Ein metallisches Knacken, ein kurzer Fluch, eines der beiden Eisgeräte hatte für den Rest der Tour eine verkürzte Haue. Keine sehr willkommene Abwechslung im Blankeis, an das wir uns nach einem überdurchschnittlich warmen Winter ohne Eis in den Ostalpen erst gewöhnen mußten. Wir, Jürgen und ich, befanden uns in der Nordwand des Triangels einer 400m hohen Fels- und Eiswand am Montt Blanc Tacul. Eine optimale Spielwiese, um uns bei strahlend blauem Himmel und auch sonst traumhaften Bedingungen an die Höhe der Westalpenberge zu gewöhnen. Schon am Vortag hatten wir das Vergnügen, durch das Colouir Chére in dieser Wand empor zusteigen.
Es war wirklich ein Traum, bei einer ungewöhnlich stabilen Wetterlage sechs Tage im Mekka des europäischen Alpinismus zubringen zu dürfen. Nach eben diesen zwei herrlichen Eistouren hatten wir auch anfängliche Schwierigkeiten bei der Höhenanpassung überwunden, und konnten uns Bier und Essen auf der wohl besten Hütte im Chamonix-Gebiet, der Cosmique-Hütte, schmecken lassen.
Bereits zweimal war ich mit Jürgen und anderen Bergkameraden in Chamonix, mit dem Mont Blanc als Ziel und Mittelpunkt einer Bergwoche, und auch diesmal drängte sich dieser mächtige Berg in unsere Planungen. Mir wurde bewußt, daß für mich das wirklich freie Genießen von anderen Touren in diesem Gebiet erst nach einer erfolgreichen Mt. Blanc Besteigung möglich sein wird, zu groß war die Faszination, die vom Dach der Alpen ausging. Eigentlich wollten wir noch einen Tag mehr zur Akklimatisation nutzen, doch war unklar, wann die Störung aus Westen kommen sollte, und so beschlossen wir, bereits am nächsten Tag gegen vier Uhr aufzubrechen.
Wie üblich vor großen Touren war an Schlaf nicht zu denken und ich war froh als gegen drei Uhr Leben ins Lager kam. Dies leicht hektische Strecken, Anziehen, Ausrüstung ordnen und Packen, gefolgt von einem Vernunftfrühstück, das die Zeit bis die Tour endlich losgehen kann so scheinbar unnötig verlängert. Doch schon kurz darauf war ich endlich aufgenommen vom Rhythmus des Steigens. Alles war wie es sein sollte und wie schon oft in den Bergen überkam mich das Gefühl genau am richtigen Ort zu sein. Eine unheimliche Sicherheit die sich nicht auf das sichere Steigen mit Ski und Steigeisen bezieht, sondern auf die Gewißheit in dieser großartigen Landschaft gut aufgehoben zu sein. So stiegen wir bei einer klaren aber nicht zu kalten Nacht die Flanke des Mt. Blanc de Tacul hinauf unter beeindruckenden Gletschergebilden vorbei. Als wir am Sattel zwischen dem Tacul und dem Mt. Maudit – Col Maudit - angekommen waren, ging die Sonne auf und zeigte uns anstelle der Stirnlampen den Weg. Eine weitere steile Flanke unter dem reizvollen Gipfel des Mt. Maudit vorbei trennte uns vom Brenva-Sattel. Der breite Gipfel des Mt. Blanc wirkte zum Greifen nahe, wie er sich so gegen den strahlend blauen Himmel abzeichnete. Nur das Wissen von Karte und Höhenmesser erklärte dem Verstand, daß es ein ordentliches Stück Weg war, das noch vor uns lag - über die Mur de la Côte und den Rochers Rouge vorbei. So begann das gleichmäßige Steigen von neuem. Ein Steigen das im ständigen Widerstreit zwischen den Gefühlen "wie lange darf ich noch hier verweilen" und "wann bin ich endlich oben" stand. Wellen von Glück, die sich in meinem Körper ausbreiteten, machten mir das Schnaufen fast noch schwerer. Ich war einfach überwältigt vom Ausblick und der großartigen Landschaft.
Nach gut sechs Stunden waren wir am breiten, einladenden Gipfel des Mt. Blancs. Bei absoluter Windstille und einem Meer von vermeintlich kleinen Bergen umgeben, stiegen wir an den anderen Bergsteigern vorbei. Überglücklich befreite ich mich von den Tourenski und ließ mich von meiner Freude überwältigen …
Jürgen hatte leider nur wenig Zeit sich vom Gipfel gefangen nehmen zu lassen, er stand an der Kante zur Nordflanke und erkundete mit anderen Bergführern die beste Route durch die Nordflanke. Die optimalen Bedingungen sollten uns Gelegenheit geben vom Gipfel über die Nordflanke abfahren zu können. Ich war froh, mich schon am Vortag mit der Herausforderung dieser Abfahrt auseinandergesetzt zu haben und konnte daher ohne weiteres Zögern Jürgens Vorschlag zustimmen. Das pure Gipfelglück wich der Anspannung die im Vorfeld so einer Abfahrt durchaus angebracht ist. Ich bin nicht sicher, ob ich alle alpinen Gefahren zu diesem Zeitpunkt wirklich erfaßt hatte, so sehr war ich auf ein sicheres Abfahren im Steilen mit großen Gletscherabbrßchen durchsetzten Gelände konzentriert. Die Gewaltigkeit der Nordflanke wurde mir erst am Grande Plateau beim Blick zurück bewußt.
Auch wenn der Abstieg durch die Ski deutlich erleichtert und verkürzt wird, ist dieser lang, gefährlich und sehr anstrengend. Gebrochene Brücken über Gletscherspalten, Eisbrocken in der Abfahrtsspur und die glühende Hitze im Gletscherkessel erwiesen sich zeitweise als mühsam und erst beim Bier bei der Mittelstation der Midi-Seilbahn (Anmerkung der Redaktion – Wir hatten uns ursprüünglich vorgenommen zügig – quasi mit Scheuklappen -an den einladenden Sonnenschirmen der Touristenhütte vorbeizugehen) stellte sich die Befriedigung über eine perfekte Tour auf das Dach der Alpen ein – "Eine Runde Sache" wie Jürgen zu sagen pflegte.
Zurück auf der Cosmiques-Hütte waren wir bereits wieder halbwegs erholt und standen nun vor der schwierigsten Aufgabe dieser Woche – der Auswahl der nächsten Touren. Das Wetter sollte auch die nächsten drei Tage gut bleiben und mit dem Mt. Blanc als erfolgreiche Tour im Gepäck breitete sich das Spektrum der unzähligen Möglichkeiten nun erst richtig aus.
Für den nächsten Tag verordneten wir uns einen "Erholungstag", um dann Dienstag und Mittwoch noch die ein oder andere große Fahrt zu machen. Ich lernte also wie sich Alpinisten erholen. Bevor man in Chamonix Ausrüstungsgegenstände nach kauft und repariert, beispielsweise eine kaputte Haue tauscht, um dann bei Mt. Blanc-Salat, Pizza und Bier den Nährstoffhaushalt auffüllt, kann zuvor noch eine Genusskletterei eingeschoben werden. Wir entschieden uns für eine klassische Tour auf den Cosmique-Sporn, eine 150m hohe Granit-schönheit mit Südausrichtung, die auch auf 3700m das Klettern im T-Shirt möglich macht. Ein steiles Schneefeld führte zum Einstieg wo wir gesichert durch einen Schlingenstand die Skistiefel durch unsere Kletterschuhe ersetzten, um dann mit den Skischuhen am Gurt zum ersten Stand zu klettern. Die Route im festen Granit ist – Re Boufat sei dank – ein echter Genuß und als das kleine Dach sauber geklettert, gefolgt von einer 60m Seillänge hinter mir lagen, war die Liebe zum Klettern im Granit vollends entbrannt. Ausgesetztheit der Tour und die unglaubliche Szenerie verstärkten den Eindruck dieser Tour noch zusätzlich.
Für die letzten zwei Tage waren wir zwischen der nochmaligen Mt. Blanc-Überschreitung unter Berücksichtigung der tollen Gipfel des Tacul und des Mt. Maudits, der Courtes Nordwand oder eine Tour auf die Pt. Isabelle hin- und hergerissen. Als ich am nächsten Tag dank einer sich entwickelnden Verkühlung kaum durchatmen konnte, beschlossen wir diese großen Unternehmungen auf ein anderes Mal zu verschieben und entschieden uns für zwei weitere Touren rund um die Cosmique-Hütte, da hier Rückzugs- und Erholungsmöglichkeiten am Besten sind. Am Col di Midi ließen wir unser Eiskletterzeug zurück um auf den Mt. Blanc du Tacul zu steigen, der uns die Tage davor so großzügig an seinen Flanke geduldet und deshalb einen Besuch mehr als verdient hatte. Der Viertausender war dann auch mehr als genug für meine angegriffenen Bronchien und am Abend war ich völlig erledigt. Trotzdem stand ich am letzten Tourentag gegen drei Uhr mit gepacktem Rucksack in der Stube, nahm mein Frühstück zu mir und war gespannt auf die geplante Eistour an der Ostwand des Tacul.
Schon beim Suchen der richtigen Rinne, wir wollten das Cavaru Colouir klettern, war eine gewisse Unruhe zu spüren, die Dunkelheit machte die Verhältnisse zwar noch nicht richtig sichtbar aber es war zu warm. Am Einstieg lagen einige Steine und die besagte Rinne wurde von einer großen Kluft unterbrochen, die überhängend, drohend den Weg versperrte. Beherzt begann Jürgen am Rande dieser Kluft im brüchigen Gestein einen Zustieg zu finden. Das Klettern in dem Gelände glich eher einem Lotteriespiel als einer Genußkletterei und so brachen wir dann ab. Natürlich sah ich etwas neidisch auf die Seilschaften im Jäger- und Super-Colouir, die sich durch diese grandiose Landschaft hoch kämpften, doch war ich auch froh die holprige Abfahrt durch das Valle Blanche nicht erst spät nachmittags fahren zu müssen. So kamen wir also leicht niedergeschlagen schon am Vormittag unverrichteter Dinge nach Chamonix zurück.
Erst das Besinnen auf die großartigen letzten Tage und das Eingestehen, daß erfolgreiche Bergtouren keine Selbstverständlichkeit sind und nicht wie Arbeitspakete einfach, planmäßig abgearbeitet werden können, ließ meine Enttäuschung verblassen. Als wir am frühen Nachmittag dann schon wieder in der Wand des Klettergartens von Geilandes hingen, schloß sich mein Bild von einer perfekten Tourenwoche, die für mich einen wunderschönen Querschnitt aller Spielarten des Bergsteigens darstellte.
Den Kopf schon wieder voller Möglichkeiten, die es noch zu realisieren gilt, ging es dann schweren Herzens wieder nach Hause.
Wolfgang, April 2007