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Dachstein Südwand, Steinerweg, 2.-3. August 2003
Text: Martin

03.08. - Gletschertourismus

„Ob die das packen?“ geht es uns durch den Kopf. Keine mobilen Sicherungsgeräte, kein Seil, nichts. Zwei Karabiner, zwei Bandschlingen und eine mächtige Randkluft mit Blick in die Ewigkeit vor sich. Das ist alles. Seitlich über eine stark geneigte Schneewechte auf das von Ruß und Schmutzpartikeln dunkel verfärbte Gletscherfeld. Nur ein paar Tritte und „Henkel“ im aufgeweichten, Schnee. Ob den beiden das genügen wird? Einen jeglicher Vernunft entbehrenden Plan verfolgend, werden die beiden es dennoch versuchen. Wir beobachten. Jürgen überredet zur Nutzung unseres Seils. Das rettet an diesem Tag ein Leben.

02.08. - Bergsucht

Die Rucksäcke sind längst gepackt. Seit Tagen warten 35l Gepäck auf ihren Einsatz: Alles ist bereit. Gespannte Erwartungshaltung und Vorfreude auf die Südwand macht sich breit. Es kribbelt in den Fingern! 
Aber groß ist sie halt schon, gell? 850 Meter Wandhöhe und noch etwas mehr Klettermeter – „ka Kinderjausn“. Zu diesem Schluss kommen wir an diesem Vormittag immer wieder. Selbstzweifel? Schließlich hat keiner von uns beiden vorher eine Wand dieser Kategorie geklettert. Nein – Zweifel sind das keine, da gibt’s keinen Zweifel!

Vielmehr ist es pure Vorfreude. Wir wollen los. Es ist zu früh. Ein Tschickerl. Noch eines. Noch ein paar, dann geht’s endlich ab. Ab zum Treffpunkt mit unserem Guide – Jürgen, einem Bergführer, der definitiv eine Klasse für sich ist. Jetzt kann die ganze Sache beginnen. Kurzer Check, ob wohl alles im Auto ist. Angie? Oliver? Christoph? Sind da. Ok. Rucksäcke? Ok. Mehr brauch ma net.

Wir treffen Jürgen. Hallo, alles klar. Klar. Ins Auto und weiter Richtung Dachstein Gipfel. Bei der Dachstein Seilbahn angekommen, kontrollieren wir noch mal unsere Ausrüstung, teilen auf und packen: Diverse Bandschlingen in verschiedenen Längen, Expressschlingen, Klemmkeile, Friends, Seile, Steigeisen. Wir erhaschen ein paar Blicke auf die Wand, doch hält sie sich großteils in Wolken gehüllt. Auch im Laufe des Abends zeigt sich die Wand kaum in ihren gesamten Ausmaßen. Als ob sie uns am nächsten Tag überraschen möchte. So hoffen wir. Auf einem gemütlichen Fußmarsch zur Südwandhütte genießen wir vorerst den imposanten Rest des Dachsteinmassivs vor und über uns. 
Ruhe kehrt ein. Eine Ruhe, die wohl nur hier zu finden ist. Mitten auf einem unscheinbar anmutenden Weg. Auf den Wiesen links von uns, auf den Felsformationen rechts von uns. Schritt für Schritt, Atemzug für Atemzug. Sie ist einfach da und du nimmst sie irgendwann wahr. Bist einfach Mensch inmitten von Bergen. Alles andere bleibt am Parkplatz zurück. 

In der Südwandhütte harren wir bei Gequatsche und Bier auf den kommenden Tag. Jürgen erzählt von vergangenen Kletteretouren, Erlebnissen und Erfahrungen und plötzlich spüre ich sie wieder. Die Bergsucht. Jetzt bin ich in der absolut richtigen Stimmung zum Klettern! „Das“ ist es, was den Alpinsport für mich so interessant und absolut notwendig macht. Dieses Gefühl. Und das Gefühl danach, dass sich nach einer Tour langsam breit macht. Auf eine Beschreibung dieses Gefühls meinerseits meint Jürgen:
„Ich glaube, dass es genau diese Intensität an Eindrücken ist, die Du beschreibst, die das Klettern von anderen Sportarten unterscheidet. Und diese Eindrücke verwandeln sich dann regelmäßig in Sehnsucht, veranlassen uns immer wieder dazu, dass wir uns wieder und wieder schinden und plagen, um uns in einem riesengroßen Haufen von Steinen unserer selbst erfreuen zu können.“
Was gibt’s da noch zu sagen. Er hat recht. Und mit der Sehnsucht an das Schinden und Plagen begeben wir uns dann doch noch für einige Stunden in unsere Betten.

03.08. - Südwand

Nachdem Jürgens Wecker um 04:55, mehr als nur laut, Alarm schlägt, hab ich erstmal Angst, dass wir unsere erhoffte Pole Position schon vor dem Start eingebüßt haben. Das kann kein Hüttengast überhört haben!
Raus aus dem Bett, Stirnlampe ein. Rucksack nehmen. Klettergewand hab ich schon an. Dem weißen Lichtkegel die Treppe runter folgen. Es ist früh. Man ist lahm.
Aber auch das ist Teil „des Gefühls“. Ich bin ein Morgenmuffel, bin aber schon eine halbe Stunde wach und warte auf das Signal des Weckers.

Kaffee, Kornspitz. Energie tanken. Wir sind nicht die einzigen, die bereits munter sind. Egal, wir kompensieren mit einem raschen Frühstück. Raus aus der Hütte. Luft holen. Tief Luft holen. Das isses! Die Überraschung ist ihr gelungen. Da steht sie. 850m hoch. Dunkel. Breit. Bin neugierig, wie man da rauf kommt. Das „Dachl“ schaut aus der Entfernung unheimlich glatt aus. Einige Verschneidungen und Risse heben sich dunkel vom Rest der Wand ab. Plattenzonen schimmern hellgrau aus der Wand. Da geht’s rauf. 
Vorerst geht’s aber bergab. Der kleine Abstieg liegt nach wenigen Minuten hinter uns, die absolute Ruhe vor uns! Dann die ersten Schritte bergauf zum Einstieg. Langsam und bedächtig. Erste, zarte Sonnenstrahlen beleuchten den Westgrad. Weit und breit sind wir die einzigen Leute. Das bleibt zwar nicht lange so, stört aber kaum. Die Leute, die man an diesem Ort, um diese Zeit trifft, haben meist das gleiche im Kopf, wie du selbst: Sie wollen rauf. Kleine Metallsplitter, die von einem übermächtigen Magnet beständig angezogen werden.
Kurz vor dem Einstieg werden zur Überquerung eines Firnfeldes die Steigeisen montiert. Man will sie ja schließlich nicht umsonst den ganzen Weg mitschleppen. Sobald das Firnfeld passiert ist, steh man direkt am Einstieg zum Steinerweg. Nicht ganz 100 Jahre zuvor standen hier die beiden Brüder Franz und Georg Steiner, noch nicht wissend, dass sie im Begriff waren, mit der Durchsteigung dieser Wand ein bergsteigerisches Denkmal zu setzen. Ganz so dramatisch sahen wir die Sache natürlich nicht. Schließlich hatten wir – zumindest Jürgen – ja eine vorgegebene Route vor uns. Von einem Hauch Dramatik könnte man nur insofern sprechen, als das wir uns am Einstieg plötzlich inmitten fünf weiterer Seilschaften befanden. Hier Ruhe zu bewahren, war schwer, sah man Christoph und mir zu, hätten wir in Sachen Ruhe allerdings eine gute Figur abgegeben. Wir gingens trotz einer Menge Leute gemütlich an. Falsche Taktik. Wo ist eigentlich Jürgen?
Jürgen? Gute Frage. Wo is´ der hin? Nach einem Ruck an den Seilen, wussten wir allerdings, wo er war. Am ersten Stand. Nachkommen? Gern, nachdem wir unsere Kletterschuhe angezogen haben und unsere Rucksäcke gepackt haben! Haben wir etwa das Kleingedruckte nicht gelesen. War das doch eine Speedbesteigung auf Zeit? 
Egal. Die Batschen waren zu und wir am Weg zum ersten Stand. Leider nicht als einzige. In der ersten Seillänge wird lieblos und ungeduldig ein Haufen Seile zu einem festen Garn gesponnen. Was man bei NoLimit alles dazubekommt – „Spinnen auf Zeit für Fortgeschrittene“. Erster Stand. Welcher Vorsteiger ist jetzt noch unserer? Was hatte Jürgen noch an? Wird wohl der sein, der unsere Seile in Händen hält. Weiter. Stress? Trotz allem keine Spur davon. Die Ruhe in uns war noch da. Nach wenigen Minuten war klar, wofür Jürgen das Tempo hoch hielt. Am Dachl, waren wir bis auf eine Seilschaft, die sich uns anschloss, wieder allein. Eine Seilschaft mit sehr hohem Unterhaltungswert – Josef, der uns mitten in der Wand humorvoll die kurz zuvor geschlossene Freundschaft kündigen wollte, indem er uns energisch auf das Rauchverbot beim Klettern aufmerksam machte und überdies eine sehr individuelle Art von Seilkommandos zu Tage beförderte (zu viel Pasta, vermuten wir) - und Anita, eine speedige, auf der Überholspur kraxelnde „Berghex“, die jeden Stand mit einem breiten Lächeln und einem lustigen Spruch erreichte.
Einige Höhenmeter alpines Gehgelände liegen vor und bald wieder hinter uns. Auf die nächsten drei Seillängen folgt wohl eine der spannendsten Stellen der Wand. Das Steiner- (Kriech-) band. Eine Querung über zwei Seillängen, welche ihrem Namen alle Ehre macht. Ein paar Meter buchstäblich auf allen vieren. Dann ist es soweit. Die Hände haben noch genug Platz. Die Füße nicht. Also runter in die Wand damit. Gesagt getan. „Spannend, spannend“ kommt es uns über die Lippen. 
An dieser Stelle hat man bereits gut die Hälfte der Höhendifferenz hinter sich. Es folgen einige schöne Seillängen in kompaktem Fels bis hinauf zum „Schluchtüberhang“, der Schlüsselstelle. Auch die kann ohne echte Probleme gemeistert werden, wenngleich wir unserer Rucksäcke entbehrten und sie schon mal ein Stück vorausschickten. Die „großen Schwierigkeiten“ sind nun vorüber. Nach zwei langen Seillängen geht’s in etwas brüchigem Gehgelände Richtung Westgrat. 
Nach nicht ganz sechs Stunden Kletterzeit liegen eine Menge kompakter Fels, Verschneidungen, Bänder, Risse, Felsstufen und somit eine achthundertfünfzig Meter hohe, enorm abwechslungsreiche Südwand hinter uns.
Was bleibt? Im Moment, an dem ich den Westgrat betrete, ein banales Grinsen! Freude. Etwas Stolz. Dankbarkeit - der Berg hats gut mit uns gemeint. Auf lange Sicht bleibt wesentlich mehr. Erfahrungen. Das Erlebnis an sich. Respekt. 
Die Einsicht, eine Tour dieser Art nicht alleine zu unternehmen. Zwar kletterst du für dich allein, doch war ich mir durchaus der „Sicherheitsreserve Bergführer“ bewusst. Diese Tour ohne Verhauer und vermeidbare Stresssituationen zu klettern, war unser Ziel. Dieses konnte wunderbar erreicht werden. „Kritische“ Situationen, Fehler, aus denen man lernt, erfährt man im Laufe eines alpin-orientierten Lebenswandels zur Genüge. Auch wir haben eine Vielzahl solcher Erfahrungen bereits hinter uns. Steinschlag, Verhauer, verstiegen, die Suche nach dem Einstieg, missverständliche Seilkommandos, falsche Routen, Schlechtwetter, Stress und so weiter.
Diese Tour als Gast eines erfahrenen Bergführers zu erleben, war kein Grund, der die Tour als solche weniger beeindruckend gemacht hätte. Der Berg als solcher bleibt wie er ist: Eine gewaltige Wand - aus vielen Steinen gebildet. So auch die Seilschaften in seinen Wänden.
 
   

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